Dazugehören wollen

Von klein auf bin ich dem Bedürfnis hinterhergerannt, ein Zugehörigkeitsgefühl zu empfinden. Natürlich anfangs, ohne es so benennen zu können.

So habe ich mich (unbewusst) extrem darin geübt, mich anzupassen. Habe mich bemüht, „normal“ zu sein, was auch immer das heißt. Es gab Zeiten, in denen ich stolz darauf war, mich wie ein Chamäleon meiner Umgebung angleichen zu können. Und es hat ja auch große Vorteile. Zum Beispiel kann ich mich auf Reisen immer in kürzester Zeit auch den schwierigsten äußeren Bedingungen anpassen.

 

Lange hat es gedauert, bis mir wirklich bewusst geworden ist, dass ich mich immer außen vor gefühlt habe. Familie, Freunde, Kollegen, …. egal wie intensiv die Verbindungen waren, ich fühlte mich nicht dazugehörig. Mir wurde die Sehnsucht danach bewusst und die damit verbundene Einsamkeit. Mit Anfang Zwanzig kam dann die Erkenntnis, doch gar nicht „eine von den anderen“ sein zu wollen, weil ich mehr und mehr verstand, dass ich in vieler Hinsicht anders ticke.

 

Ja, ich empfinde anders und intensiver. Ich nehme alles um mich herum stärker wahr. Ich lasse Eindrücke und auch Gefühle, Stimmungen anderer – ob Mensch, ob Tier, ob Natur – nicht nur an mich heran. Sie strömen in mich hinein. Ich nehme sie wahr, als wären sie meine. Lange habe ich sie auch für meine gehalten. So befand ich mich ständig in einem Wechselbad der Gefühle. Viele Jahre hat es gedauert, bis ich davon erfahren habe und so lernen konnte, zu unterscheiden. Und somit hatte ich dann auch die Möglichkeit, mich wieder von dem, was nicht zu mir gehört, zu trennen.

Ich denke in mancher Hinsicht anders. Zum einen scheine ich über alles, was ich erlebe, mehr nachzudenken als andere. Dabei betrachte ich das Erlebte aus den verschiedensten Sichtweisen. Ich beziehe übergeordnete Ebenen mit ein, denke ganzheitlich. Wenn mich etwas emotional belastet, bleibe ich oft in Gedankenschleifen hängen.

Und alles, was ich erlebe – ob positiv oder negativ - ist mit intensiven Emotionen verbunden.

 

Ich habe dieses Anderssein nie als Manko, sondern immer als eine Gabe empfunden. Trotzdem hat es mich immer wieder sehr belastet. Und das Gefühl, nie verstanden zu werden, war sehr anstrengend für mich.

 

Für mich war es sehr hilfreich, zu verstehen, dass ganz viele Menschen die Welt anders wahrnehmen als ich. Dass sie nicht so intensiv und detailliert wahrnehmen. Dass sie nicht auf die gleiche Art, wie ich es tue, mit anderen Menschen mitfühlen. Dass sie sich nicht auf gleiche Weise in ihr Gegenüber hineinversetzen. Früher habe ich diese Menschen oft als unsensibel empfunden. Heute weiß ich, dass es nicht so ist. Nicht sie sind unsensibel, ich bin hochsensibel und hochsensitiv.

 

Es ist noch gar nicht so lange her, dass ich von dem Begriff „Hochsensibilität“ das erste Mal gehört habe. Dadurch habe ich erfahren, dass ich nicht so alleine damit bin, wie ich immer gedacht habe. Man sagt, 10 – 20% aller Menschen und Tiere sind hochsensibel.

Mir hat diese Information sehr gut getan. Dadurch, dass ich über das Thema gelesen und Geschichten anderer Menschen, die hochsensibel sind, gehört habe, konnte ich erkennen, dass ich tatsächlich bis heute noch in mancher Hinsicht versuche, mich in der Masse einzuordnen. Auch heute noch lasse ich mein Anderssein nicht ganz zu, verstecke es zum Teil noch immer vor der Außenwelt. Es gibt Bereiche, in denen ich meine Empfindsamkeit ignoriere und meine Bedürfnisse dadurch immer wieder übergehe.

 

Aber ich bin ja lernfähig! Und ich verstehe immer mehr, dass jedes Mal, wenn ich mich übergehe, ich mir selbst schade. Und dass das A und O dafür, Andere unterstützen zu können, darin besteht, mir selbst treu zu sein. Und um mir selbst treu sein zu können, habe ich mir zuzuhören und dem, was ich in mir wahrnehme, hundertprozentig zu folgen. Alles andere ist ein fauler Kompromiss!